Standort: Bachblütengarten :: Essenzen :: Walnut / Walnuss
(© Foto: Katja Bähr)
Anwendung:
Eine Frau hatte Zwillinge empfangen. Es waren
Jungen und sie wuchsen im Bauch der Mutter heran. Die Zwillinge fingen
bald an, ihre kleine, gemütliche Welt wissbegierig zu untersuchen. Als
erstes entdeckten sie die Schnur, die sie mit ihrer Mutter verband. Sie
sagten zueinander: Wie groß muss die Liebe unserer Mutter sein, dass
sie alles, was sie hat, mit uns teilt.
Die Wochen vergingen und wurden zu Monaten. Ständig gab es für die zwei
neue Erfahrungen: Wärme, Freude, kurze Schrecken, neue Gefühle der
Geborgenheit. Vor allem: Alles veränderte sich von Tag zu Tag. Was
heisst das? fragte der eine den anderen, dass alles sich verändert?
Das heißt vermutlich, dass unser Aufenthalt in dieser Welt bald zu
Ende ist. Ich will aber für immer hier bleiben, sagte der andere,
es ist so warm, so kuschelig und so bequem. Ich will hier bleiben. Das
ist unsere Welt.
Wir haben keine andere Wahl, sagte der andere, der ein winziges
bisschen größer war als sein Bruder: Vielleicht gibt es doch ein Leben
nach der Geburt. Unmöglich, konterte der Kleinere. Ohne die Schnur
könnten wir nicht leben. Und er ergänzte: Keiner der je den
Mutterschoß verlassen hat, ist zurückgekehrt. So etwas hat man noch nie
gehört; noch nie, hörst du! Nein, die Geburt, das ist zugleich unser
Ende. Nach langem, betroffenem Schweigen fragte der Kleinere weiter:
Wenn alles mit der Geburt endet, welchen Sinn hat dann unser Leben
gehabt? Womöglich gibt es nicht einmal eine Mutter hinter alledem?
Die gute barmherzige Mutter muss existieren, protestierte der
Größere. Wie könnten wir sonst am Leben bleiben? - Hast du je unsere
Mutter gesehen? fragte der andere Zwilling. Womöglich lebt sie nur in
unseren Köpfen, in unserer Vorstellung, in unserem Glauben: Wir haben
sie nur erfunden, damit das sinnlose Leben hier erträglich ist.
Auf diese Weise waren die letzten Tage der Zwillinge vor ihrer Geburt
gefüllt mit Fragen und großer Angst. Schliesslich kam der große
Augenblick. Die beiden standen unter so schmerzlichem Druck, dass sie
meinten, das Ende sei wirklich gekommen. Aber als die Zwillinge unter
großen Mühen und Schmerzen ihre bisherige Welt verlassen hatten,
öffneten sie ihre Augen. Sie schrien. Denn was sie sahen, übertraf bei
weitem ihre kühnsten Erwartungen.
(© Foto: Katja Bähr)